Notizen

 

Februar 2021

  
Frauenbefreiung - Eine Erfolgsgeschichte?
Eine persönliche Betrachtung zu 50 Jahren Frauenstimmrecht in der Schweiz
Artikel in "Die Zeit"

 

August 2021

  
STÜTZMAUERWUNDERWERK

Fast fertig ist sie, die gewaltige Mauer direkt unter uns. 

Tonnenweise Kalkstein buckelten 20 Lastwagen aus der nahen Umgebung herbei und legten sie dem Mauerbauer vor die Füsse. Jeden einzelnen Brocken bearbeitete er, er haute die Blöcke in Stücke und in die richtige Form. Einen um den andern wuchtete er sie an den richtigen Platz.

Eigentlich hätte das Stützwerk früher fertig sein sollen. Dann kam Corona. Dann kam der sintflutartige Regen. "Der Boden ist extrem durchweicht. Man kann nicht mit schweren Steinen arbeiten, wenn die Erde halb zäh, halb flüssig ist", sagt der Maurer.

Er ist ein Maurer im uralten Wortsinn. Sein Name ist Altin Agalliu. Er kommt aus Italien, aus dem Süden, wo es gerade lichterloh brennt. Seine Heimat ist Albanien, ein Land im Osten mit weissen Kalkbergen. Seine Stadt sei ganz aus Stein, sagt Altin. "Stein ist gut. Er hält."

In seiner Stadt gebe es ein Castello aus den gleichen Steinen wie hier. Es wohnen immer noch Leute darin, seit zweieinhalbtausend Jahren. "Kennst du die Stadt? Es gibt dort Türme mit Kreuzen. Und Türme mit Halbmond. Und auch Türme mit nichts." Altin zeigt ein Foto auf dem Telefon. "Ganz verschiedene Leute leben bei uns zusammen. Schon ewig. Alle friedlich miteinander."

Seit etwa einem Jahr ist Altin da und legt die Steine aufeinander, damit es nicht mehr wegrutscht an unserem Hang. Seit dem Ende des ersten Corona-Lockdowns. 50 Meter ist die Mauer jetzt lang.

Meistens sei er allein. Obwohl man unten auf der Landstrasse viele vorbeifahren sieht. Manchmal renne eine vorüber. Oder einer gehe vorbei mit dem Hund. "Sie grüssen", sagt Altin.

Sein Vater starb früh. Und immer kamen Krisen in sein Land. Sehr, sehr schlimme Zeiten. Mehr sagt Altin nicht. Mit fünfzehn musste er die Heimat verlassen, ging er auf Wanderschaft. Arbeit finden. Und eine Zukunft. Er fuhr über das Meer, nach Italien, und schloss sich den Steinmetzen an. Schaute ihnen zu, machte sich nützlich. Fragte und fragte. Die Männer zeigten ihm, wie es geht. Bis er das Handwerk verstand.

Dann fand er auch seine Frau. Er bekam zwei Kinder, fand eine andere Heimat. Übermorgen fährt er zurück. "Meine Tochter heiratet. Da geht ein Vater heim", sagt Altin.

Damit er sich etwas kochen kann, steht ein Wohnwagen bereit. Oder falls es plötzlich extrem regnet. Meistens schläft Altin auch darin. Er hätte zwar ein Zimmer, aber zwei Stunden Weg bis dahin, wo man ihm das Zimmer buchte, braucht zuviel Zeit. Die Arbeitstage sind lang. "Hier oben ist es gut für mich. Man sieht in den Osten, wo die Sonne kommt. Und die Berge. Die Berge hier sind auch schön", sagt Altin.

300'000 Kilogramm Stein. Sie stammen vom Ufer eines alten Ozeans, aus dem Tethysmeer. Sie sind aus dem Zeug, das hier einmal strandete und liegenblieb. Vor ziemlich langer Zeit, 200 Millionen Jahre.

Zuerst schaut Altin die Steine gut an. Dann behaut er sie, jeden einzeln. Dann stemmt er ihn hoch und passt ihn ein in seinen neuen Platz. Bei fast jedem Wetter, heute ist es zweiunddreissig Grad. "Nicht alles von Hand", sagt Altin. Nein, er bedient auch selber eine kleine Maschine.

"Oja, der Rücken, kein Problem. Stark", sagt er. "Per Fortuna." Das Kreuz spüre er nie.

Die Mauer gefällt ihm. Aber der Anfang gefalle ihm nicht ganz. Das erste Stück sei nicht von ihm. "Zu viele Kleine", sagt Altin. Eine grosse Mauer brauche auch grosse Steine. Nie mehr als drei kleine beieinander. Aber mit den grossen ist die Arbeit schwerer.

Wenn man das weiss, sieht man, wo Altins Werk beginnt.

Er hat einen schwarzen Daumennagel. "Niente, man gewöhnt sich. Mein Fehler", sagt Altin. "La pietra macht keine Fehler. Fehler mache nur ich. Die Steine nicht."

Dann erklärt er: "Du musst wissen – la pietra ist stärker. Immer. Wie die Natur. Musst sie kennen. Musst aufmerksam sein. Präsent." Er legt die Hand an die Mauer. "Du musst sie fühlen. Ihre Kraft. Und du musst genau wissen, was du tust." Jetzt lacht Altin. "Die Steine – wie eine Frau. Bist du richtig, ist alles richtig. Und sonst –", er zeigt den schwarzen Daumen, "selber schuld."

"Siehst du die grossen Nischen? Die sind für Bienen. Und die Blümchen dort oben? Habe ich gepflanzt. Etwa zwanzig Stück. Damit sie schön werden, habe ich kleine Nischen gemacht. Und eine Wasserrinne von der Erde in die Mauer."

Eine gute Mauer ist nie nur eine Mauer. Erst ein Freiraum rundherum mache das Werk gut. Sagt Altin, der Maurer.

Er erklärt, la pietra brauche ein gutes Bett. Darum hat er hinter den Blöcken einen weiten Raum in die Erde gegraben und mit Geröll gefüllt. "Was dahinter und darunter ist – sehr wichtig. Es macht stabil."

Schon früher gab hier eine Sicherung. Aber keine gute. Sie hielt nur wenige Jahrzehnte, die Reste liegen noch auf dem Weg. Altin lacht. "Lächerlich. Am Schluss die alten Plachen und Gummireifen zur Stützung. Ein Witz. Und kein Wunder. Alles rutscht", sagt er. "Man nahm die Brocken der ganz alten Mauer und machte eine neue. Schnellschnell. Mit Beton. Billig."

"Falso." Altin sagt: "Die Kälte und das Wasser zerreissen Beton schnell. Die Natur zerstört das Falsche und Billige." Er deutet auf eine Terrasse unter der Silhouette des Ortes. "Überhängend. Die kommt bald. Auch drüben, die neue an der Kantonsstrasse – falso. Troppo perfetto. Die Steine sind Attrappen. Dahinter Beton." Altin schüttelt den Kopf.

"Aber die hier", der Meister sagt es stolz, "hält." Er lacht: "Die Nachkommen deiner Nachkommen werden sie sehen." Er zeigt auf die Quader mit orangem Farbtupfer. "Das sind Verbindungssteine. Sie sind anders. Aber gut verbunden mit der Umgebung. Dann rutscht es nicht. Für Stabilität braucht es immer Verbinder."

Verbinder liegen quer und sind ein bisschen anders als der Rest. Sie sind die Grössten. Sie gehören zur Mauer ebenso wie zum Erdreich. Altin sagt: "Sie haben zwei Heimaten."

PS: Altin Agalliu freut sich immer über Arbeit. 

 

Juli 2020

  
Meine liebe Ida

Ich war bei meiner alten Freundin Ida. Sie wohnt tief in den hohen Bergen. 96 Jahre alt ist sie, Krise und Krieg, drei Kinder, einen davongehenden Mann hat sie erlebt und so vieles. Sie sieht fast nichts mehr, hört schlecht und mag auch nicht mehr gehen, wie sie sagt. Ich brachte ihr einen Strauss aus den Blumen, die dort oben wild wachsen. Majoran war dabei, er blühte rot im Schotter und Schutt an einer Stelle, wo der Berg die begradigte Strasse von sich weg stiess. Ida erkennt jede Pflanze im Strauss, sie sieht auch die Gräser darin. "Der ist schön", sagt sie und macht Kaffee. Wir sitzen einander gegenüber, die grosse Krankheit der Zeit erzwingt einen seltsamen Abstand zwischen unseren Händen. "Obwohl", sagt Ida, "es wäre mir recht zu sterben." Das Lebensmüde komme einfach. Man möchte endlich schlafen. Ida schläft gern, sie erzählt, dass sie es immer schlechter kann. Zu viel Leben rundherum. Wir reden eine gute Stunde, berühren uns nicht und sind so sehr vom andern berührt. Wir lachen und staunen. Idas Lachen ist tief, es ist nicht brüchig. Einmal sagt die alte Freundin: "Mir scheint, so viel ist nur noch an der Oberfläche. Es ist glatt, gerade, sauber. Wir wollen alles immer perfekter. Das macht mir Sorgen." Sie atmet ein wenig, das viele Reden ermüdet sie. Dann reicht sie mir noch diesen Satz: "Weisst Du, der Perfektionismus ist immer gefährlich nah am Faschismus." Zum Abschied schenkt sie mir ein Glas Konfitüre. Sie hat sie gekocht mit den wilden Beeren aus dem Gestrüpp hinter ihrem Haus.

 

November 2019

 

Es rutscht

Ich war in Italien. Nicht weit, in der Nähe.
Am Meer.
Am Meeresrand. Dort arbeite ich immer, zwischen Himmel und Wasser.
Es steht dort mein Turm zwischen Himmel und Wasser,
den ich ab und zu benutzen darf, um in Ruhe zu schaffen.
Diesmal war ich sehr unruhig. Das Meer so hoch.
Das Meer viel höher als sonst im November.
Spazieren am Meeresrand hiess aufpassen.
Das Meer so hoch, so wild. Wie ein Verletztes, ein sehr Grosses.
Und es regnete, regnete.
Seit Monaten. Das sagte die Frau, bei der ich gern einkaufe.
Sie musste den Laden räumen. Wasser schaufeln.
Das Meer kam.
Das Meer kam noch nie bis zu ihr.
Man geht spazieren an der Mole, wenn man das Meer treffen will.
Jetzt kommt es selber.
Es wartet nicht, bis wir spazieren wollen.
Ich fuhr auch über die Hügel nach Turin.
Ich fuhr auch zurück.
Auf einer dieser zahllosen Strassen auf hohen Stelzen, die durch die Hügel führen.
Über eine dieser ungezählten Brücken, die auf hohen Stelzen über die Täler führen.
Sie ist jetzt eingestürzt. Kurze Zeit später.
Weggerutscht.
Eine dieser Brücken, über die ich gerade noch fuhr, mit meinem Kind.
Ich hatte Glück.
Aber Italien am Meeresrand rutscht.
Es rutscht.

 

November 2018

 

Gestern ein Auftritt im Berner Münster. Quer durch das ganze Leben gelesen aus allen Werken. Mit Michael Flury und Helena Hegglin. Mit peruanischen Meeresschneckenhörnern und einer Aargauer Posaune. Mit einem indischen Bodenharmonium, das man einhändig spielt, und einem Computerprogramm, das Max heisst. Mit einem Raum aus anderer Zeit von mehr als 360 Grad. Der Chor des Tempels steht am ältesten Ort von Bern. Ein sehr schwarzer und sehr schwerer Taufstein thront, wo die Akustik am besten ist. Der Raum war eiskalt, als wir uns einfanden. Dann kamen die Leute, dann wurde es voll, und es wurde warm. Schwingungen in einen Raum von mehr als 37 Grad.

 

Dezember 2017

 

Seit kurzem bin ich weggezogen aus Zürich, nach über einem halben Jahrhundert. Es war ein freudiger Entscheid, der platzenden Stadt zu entkommen. Jetzt wohne ich auf einer Juranase über menschenleeren Feldern. Störche, Rehe, Milane hat es hier. Und jede Woche einen Regenbogen, manchmal zwei.

Menschen sind wir nicht so viele. Ich mag sie alle, Helden des einzeln Seins, des exponiert Lebens, der Verbindlichkeit. Wahrscheinlich sind das ja die Glückshormone, die der Umzug in mir verschüttete. Das erste Erlebnis hatte ich, als ich noch gar nicht hier war. Ich bekam einen Anruf, nachts, es brenne im alten Haus, in das ich einziehen wolle. Ich müsse mir keine Sorgen machen, die Gemeindefeuerwehr sei schon auf dem Dach, sie schaue. Es stellte sich heraus, dass kein Feuer, aber schwarzer Rauch um mein Haus gewesen war. Vielleicht hatte jemand Russendes verbrannt. Oder es waren alte Seelen, die endlich ins Freie kamen. Alles in Ordnung. Seltsam nur, dass ein Dachfenster gesprungen war.

Angerufen hatte mich Herr Zoltan. Herr Zoltan arbeitet im Pflegehaus am Ortseingang. Es hat den schönsten Park und Sicht über den Flughafen und die Berge bis fast zum Mittelmeer. Herr Zoltan redet kaum, er hat aber eine tiefe Stimme für das Wichtige. Er hilft meinem Vater, der in diesem Haus wohnt, an Orten und Stellen, wo ich ihm nicht helfen kann. Herr Zoltan tut diese Dinge mit einer Würde, als ginge es um die staatstragenden Geschäfte eines Königs.

Lisbeth leitet das Haus. Sie ist so gross wie mein Vater, und wenn sie lacht, ist sie auf Augenhöhe. Mein Vater lacht fast nur noch mit den Augen, sein Gesicht ist steif vom Parkinson. Lisbeth versteht es, Menschen zu finden, die reden können ohne Worte. Harry zum Beispiel, den lesenden Waldarbeiter, der jede Flause der Natur kennt und fast alle Bücher, die ich auch kenne. Harry schichtet am 1. August auch das Feuer. Es ist fast so gross wie das Gemeindehaus, aber kunstvoller. Die Gemeinde, wir, sitzen dann schweigend rundherum und schauen in Harrys Feuerregen und in den Himmel mit den Sternzeichen bis fast zum Mittelmeer. Harry hütet auch den Gemüsegarten des Pflegehauses, sodass Thomas, der Koch, daraus kochen kann. Lisbeth fand auch Thomas. Thomas kocht für die Bewohnenden, als wären sie heikle Königinnen. Früher kochte er Geschäftsessen in einer Nobelbeiz, er koche aber lieber hier, sagte er.

Lisbeth ist eine, die aus einem Heim ein Zuhause macht. Wenn die Nachtwache sie anruft, weil mein Vater zum zwanzigsten Mal aufsteht und nicht mehr draus kommt, fährt sie eine Stunde durch die Nacht und lässt sich am Bett nieder, bis der Ruhelose schläft. Ich denke, jeder schläft gut, wenn Lisbeth am Bett sitzt.

Wer in den Ort kommt, wird von Hansueli begrüsst. Auch er einer meiner Stadtrandhelden. Wenn Hansueli nicht arbeitet, sitzt er auf einem der vielen Brunnen und schaut sich die Menschen an. Ich hörte noch nie einen Mann so viel und so schön lachen. Meistens krampft er zwar in den Weingärten, die Arbeit geht ihm nie aus, sagt er. Für seine Seele hat er die Schafe. Hansueli weiss die kleinen Dinge. Er weiss zum Beispiel, warum der alte Kirschbaum blüht wie eine gigantischer Rosenstrauch. Die Rose wächst in der Krone des Baums, sie transformiert ihn in ein Kunstwerk, und sie ist sein Tod. Die Rose wächst und tötet den Baum, seit Hansuelis Vater dort runterfiel und den Rücken brach.

Heute kam die Sonne aus dem Nebel, und ich hörte einen Ruf durch den Ort schallen. Mustafa stand vor der Tür, er hatte die Arme zum Himmel geworfen und begrüsste die Sonne mit Juchzen. Mustafa betreibt die Dorfbeiz. Die Leute sitzen gern bei ihm, er arbeitet Tag und Nacht, manchmal hilft ihm seine grosse Liebe, die schöne Sascha. Oft lädt er meinen schweigenden Vater zu einem Bierchen ein. Mustafa hat die Gastfreundschaft nicht in einem Kurs gelernt, er ist Kurde. Seine Mezze sind Gedichte, die jeder versteht.

Obwohl so klein, haben wir einen Gemeinderat, alle Mitglieder parteilos, es geht um die Sache. Für mich sind sie Hüter des Gemeinsamen, Helden sowieso. Sie nehmen sich Zeit und schauen, dass der Ort nicht von egomanischen Gespenstern besetzt wird, dass das gemeinsame Bädli geputzt ist und die Kirche im Dorf bleibt. Sie schauen auch mir auf die Finger, die ich einer Glyzinie ein Gerüst geben will. Poesie ist recht, aber es braucht Umsicht und eine Bewilligung. Zuerst irritiert das, aber es ist Sorgfalt im Kleinen. Auch mein lieber Nachbar Kurt ist so eine Art Held. Er schneidet mühevoll jedes Jahr die Bäume zurück, die in meinen Sonnenuntergang wuchern, und er schneidet den Rasen mit einem lautlosen Mäher. Der Mäher macht Halt präzise vor der Wildwiese von Mustafa, der es kunterbunter mag. Mustafa hat den natürlichsten, Kurt hat den schönsten Garten weit und breit. Der Blick auf beides ist wie ein Bad im Bild von Impressionisten.

Gegenüber wohnt Maya, sie hat ein warmes Fensterlicht. Maya ist zart, fast unsichtbar, und sie hört nicht wie die andern. Sie kennt jeden Winkel des Orts und alle Pflanzen und auch die Namen dazu. Manchmal wohnt sie im Wald, am Bach, bei den Rehen. Maya ist scheu wie manche Ureinwohner. Sie weiss, wo hier vor vielen tausend Jahren Vorfahren ihre Stilex-Werkzeuge liegen liessen.

Und das kleine Mädchen, das mich immer von den Schultern seines Vaters Fritz herunter grüsst und nach meinem Vater fragt. Einmal mahnte es mich "Muesch guet ufpasse uf din liebe Papa."

Drei schwarze Frauen gibt es hier auch. Die jüngste sang im Sommer an der heissen Haltestelle ein Lied für mich. Sie fächelte mir Kühle zu und lächelte. Sie wohnt im Haus, das die Gemeinde öffnete, wir.

Ich weiss nicht, was es ist. Vielleicht sind es die Glückshormone. Vielleicht ist es unverschämtes Glück.