Notizen

 

Dezember 2017

 

Seit kurzem bin ich weggezogen aus Zürich, nach über einem halben Jahrhundert. Es war ein freudiger Entscheid, der platzenden Stadt zu entkommen. Jetzt wohne ich auf einer Juranase über menschenleeren Feldern. Störche, Rehe, Milane hat es hier. Und jede Woche einen Regenbogen, manchmal zwei.

Menschen sind wir nicht so viele. Ich mag sie alle, Helden des einzeln Seins, des exponiert Lebens, der Verbindlichkeit. Wahrscheinlich sind das ja die Glückshormone, die der Umzug in mir verschüttete. Das erste Erlebnis hatte ich, als ich noch gar nicht hier war. Ich bekam einen Anruf, nachts, es brenne im alten Haus, in das ich einziehen wolle. Ich müsse mir keine Sorgen machen, die Gemeindefeuerwehr sei schon auf dem Dach, sie schaue. Es stellte sich heraus, dass kein Feuer, aber schwarzer Rauch um mein Haus gewesen war. Vielleicht hatte jemand Russendes verbrannt. Oder es waren alte Seelen, die endlich ins Freie kamen. Alles in Ordnung. Seltsam nur, dass ein Dachfenster gesprungen war.

Angerufen hatte mich Herr Zoltan. Herr Zoltan arbeitet im Pflegehaus am Ortseingang. Es hat den schönsten Park und Sicht über den Flughafen und die Berge bis fast zum Mittelmeer. Herr Zoltan redet kaum, er hat aber eine tiefe Stimme für das Wichtige. Er hilft meinem Vater, der in diesem Haus wohnt, an Orten und Stellen, wo ich ihm nicht helfen kann. Herr Zoltan tut diese Dinge mit einer Würde, als ginge es um die staatstragenden Geschäfte eines Königs.

Lisbeth leitet das Haus. Sie ist so gross wie mein Vater, und wenn sie lacht, ist sie auf Augenhöhe. Mein Vater lacht fast nur noch mit den Augen, sein Gesicht ist steif vom Parkinson. Lisbeth versteht es, Menschen zu finden, die reden können ohne Worte. Harry zum Beispiel, den lesenden Waldarbeiter, der jede Flause der Natur kennt und fast alle Bücher, die ich auch kenne. Harry schichtet am 1. August auch das Feuer. Es ist fast so gross wie das Gemeindehaus, aber kunstvoller. Die Gemeinde, wir, sitzen dann schweigend rundherum und schauen in Harrys Feuerregen und in den Himmel mit den Sternzeichen bis fast zum Mittelmeer. Harry hütet auch den Gemüsegarten des Pflegehauses, sodass Thomas, der Koch, daraus kochen kann. Lisbeth fand auch Thomas. Thomas kocht für die Bewohnenden, als wären sie heikle Königinnen. Früher kochte er Geschäftsessen in einer Nobelbeiz, er koche aber lieber hier, sagte er.

Lisbeth ist eine, die aus einem Heim ein Zuhause macht. Wenn die Nachtwache sie anruft, weil mein Vater zum zwanzigsten Mal aufsteht und nicht mehr draus kommt, fährt sie eine Stunde durch die Nacht und lässt sich am Bett nieder, bis der Ruhelose schläft. Ich denke, jeder schläft gut, wenn Lisbeth am Bett sitzt.

Wer in den Ort kommt, wird von Hansueli begrüsst. Auch er einer meiner Stadtrandhelden. Wenn Hansueli nicht arbeitet, sitzt er auf einem der vielen Brunnen und schaut sich die Menschen an. Ich hörte noch nie einen Mann so viel und so schön lachen. Meistens krampft er zwar in den Weingärten, die Arbeit geht ihm nie aus, sagt er. Für seine Seele hat er die Schafe. Hansueli weiss die kleinen Dinge. Er weiss zum Beispiel, warum der alte Kirschbaum blüht wie eine gigantischer Rosenstrauch. Die Rose wächst in der Krone des Baums, sie transformiert ihn in ein Kunstwerk, und sie ist sein Tod. Die Rose wächst und tötet den Baum, seit Hansuelis Vater dort runterfiel und den Rücken brach.

Heute kam die Sonne aus dem Nebel, und ich hörte einen Ruf durch den Ort schallen. Mustafa stand vor der Tür, er hatte die Arme zum Himmel geworfen und begrüsste die Sonne mit Juchzen. Mustafa betreibt die Dorfbeiz. Die Leute sitzen gern bei ihm, er arbeitet Tag und Nacht, manchmal hilft ihm seine grosse Liebe, die schöne Sascha. Oft lädt er meinen schweigenden Vater zu einem Bierchen ein. Mustafa hat die Gastfreundschaft nicht in einem Kurs gelernt, er ist Kurde. Seine Mezze sind Gedichte, die jeder versteht.

Obwohl so klein, haben wir einen Gemeinderat, alle Mitglieder parteilos, es geht um die Sache. Für mich sind sie Hüter des Gemeinsamen, Helden sowieso. Sie nehmen sich Zeit und schauen, dass der Ort nicht von egomanischen Gespenstern besetzt wird, dass das gemeinsame Bädli geputzt ist und die Kirche im Dorf bleibt. Sie schauen auch mir auf die Finger, die ich einer Glyzinie ein Gerüst geben will. Poesie ist recht, aber es braucht Umsicht und eine Bewilligung. Zuerst irritiert das, aber es ist Sorgfalt im Kleinen. Auch mein lieber Nachbar Kurt ist so eine Art Held. Er schneidet mühevoll jedes Jahr die Bäume zurück, die in meinen Sonnenuntergang wuchern, und er schneidet den Rasen mit einem lautlosen Mäher. Der Mäher macht Halt präzise vor der Wildwiese von Mustafa, der es kunterbunter mag. Mustafa hat den natürlichsten, Kurt hat den schönsten Garten weit und breit. Der Blick auf beides ist wie ein Bad im Bild von Impressionisten.

Gegenüber wohnt Maya, sie hat ein warmes Fensterlicht. Maya ist zart, fast unsichtbar, und sie hört nicht wie die andern. Sie kennt jeden Winkel des Orts und alle Pflanzen und auch die Namen dazu. Manchmal wohnt sie im Wald, am Bach, bei den Rehen. Maya ist scheu wie manche Ureinwohner. Sie weiss, wo hier vor vielen tausend Jahren Vorfahren ihre Stilex-Werkzeuge liegen liessen.

Und das kleine Mädchen, das mich immer von den Schultern seines Vaters Fritz herunter grüsst und nach meinem Vater fragt. Einmal mahnte es mich "Muesch guet ufpasse uf din liebe Papa."

Drei schwarze Frauen gibt es hier auch. Die jüngste sang im Sommer an der heissen Haltestelle ein Lied für mich. Sie fächelte mir Kühle zu und lächelte. Sie wohnt im Haus, das die Gemeinde öffnete, wir.

Ich weiss nicht, was es ist. Vielleicht sind es die Glückshormone. Vielleicht ist es unverschämtes Glück.